Erschienen in Auf Asche #16 – April 2015

Erschienen in Auf Asche #16 – April 2015

Seit 1997 engagiert sich Günther Oberholz ehrenamtlich für den FC Kray. In diesen rund 17 Jahren hat er den Klub aus dem Essener Osten wie kein Zweiter geprägt. Trotz aller Höhen und Tiefen, die er in seiner Fußball-Laufbahn erlebt hat, ließ er sich nie von seinem Weg abbringen.

Von Martin Herms – April 2015

Es waren Momente, die so schnell niemand mehr aus dem Lager des FC Kray vergessen wird. Gleich zwei Mal in einer Saison bezwang der Regionalliga-Underdog den großen Stadtrivalen Rot-Weiss Essen in dessen eigenem Stadion. In beiden Partien wurden jeweils rund 8.000 Zuschauer Zeugen einer Sensation, die schon im letzten September von Krayer Seite als größter Erfolg der Vereinsgeschichte bezeichnet wurde. Doch ausgerechnet der Mann, der seit Jahren die treibende Kraft in Kray ist, verzichtete sowohl im Hin- als auch im Rückspiel auf den Großteil der 90 Minuten auf dem Rasen im Stadion Essen. Günther Oberholz gilt nicht unbedingt als die Ruhe in Person. Wichtige Spiele seines FC Kray sind für den Vereinspräsidenten stets eine enorme nervliche Belastung. So bleibt ihm wie bei den Derbys gegen RWE nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen. In beiden Fällen verließ er wenige Minuten nach dem Anpfiff das Stadion und kehrte erst kurz vor dem Ende zurück. Wohin es ihn in der Zwischenzeit verschlug, wollte er nicht verraten. Das Heimspiel gegen die SG Wattenscheid 09 verbrachte Oberholz unter der Sonnenbank, beim Auswärtsspiel in Hennef wurde er während der zweiten Halbzeit in einem Fast Food-Restaurant gesichtet. „Ich halte die Spiele nervlich nicht immer aus, deshalb gehe ich lieber. Wohin es mich dann verschlägt, ist meistens unterschiedlich“, erklärt Oberholz seine kuriose Angewohnheit.

„Leider habe ich nie gelernt, zu verlieren“

Schon in seinen jungen Jahren als Spieler war der heute 51-Jährige für seine emotionale Art und Weise bekannt. Als Aktiver war er ausschließlich in Diensten von TuS Essen-West 81 am Ball. Oberholz war durchaus mit dem nötigen Fußball-Talent gesegnet. In der Jugend gelang ihm der Sprung in die Niederrheinauswahl, später bei den Senioren spielte er mit 81 in der Bezirksliga. Eine möglicherweise ambitioniertere Laufbahn verhinderte der Umstand, dass der gebürtige Essener an Neurodermitis litt und mit den Gegenreaktionen der Kortisonspritzen zu kämpfen hatte. Mangelnden Einsatz ließ er trotz dieses Handicaps jedoch nicht erkennen. Ganz im Gegenteil. Schon damals schlug der einstige Spielmacher häufig über die Strenge. „Ich bin oft wegen Meckerns vom Platz geflogen. Leider habe ich nie gelernt, zu verlieren“, räumt Oberholz ein und versucht zu erklären: „Wenn man für eine Sache zu 100 Prozent lebt, ist das auch nicht einfach. Ich habe mich immer mit vollem Einsatz reingehangen, sowohl auf als auch außerhalb des Platzes.“

Günther Oberholz - Auf Asche

Die Bereitschaft zur Vereinsarbeit hatte er schon an der Keplerstraße gezeigt. Oberholz bekleidete bei den Westlern unterschiedliche Ämter. Zuletzt hatte er den Posten des Fußballobmanns inne. Dieses Amt legte er im Jahr 1997 nieder. Zuvor hatte er erstmals die Schattenseiten des Funktionärs-Lebens bemerkt. „Irgendwann war die Akzeptanz von Seiten des Vereins nicht mehr vorhanden, obwohl ich durchaus erfolgreich war und wir einiges aufgebaut hatten. Der Zeitpunkt war einfach gekommen, einen neuen Weg zu gehen.“

Dieser führte ihn wenig später zum FC Kray. Dessen langjähriger Trainer Wolfgang Priester hatte Oberholz davon überzeugen können, an der Buderus-straße anzuheuern und sich dort zunächst hinter den Kulissen im Marketing-Bereich zu engagieren. Der heutige Leiter der Immobilienabteilung des Möbelhauses Kröger sah schon damals eine vielversprechende Perspektive beim FCK. „Der Leistungsgedanke spielte bei meiner Entscheidung eine Rolle. Kray spielte schon damals in der Landesliga und innerhalb des Vereins wurde gute Arbeit geleistet. Das hat mich einfach gereizt.“

Der anvisierte sportliche Erfolg sollte sich nur wenig später einstellen. Im Jahr 2000 gelang den Grün-Blauen der Aufstieg in die Verbandsliga, in der sich der Verein drei Jahre lang hielt und auch in 2003 eigentlich den Klassenerhalt schaffte. Doch der Rheydter SV stellte einen Insolvenzantrag und zog seine erste Mannschaft aus dem Spielbetrieb der Oberliga Nordrhein zurück. Aufgrund eines neuen Insolvenzrechts durfte der Verein einen Neuanfang in der Verbandsliga starten. Durch diese Einteilung wurde der 13. Platz zu einem Abstiegsplatz und Kray musste den bitteren Gang in die Landesliga antreten. „Das war eine große Sauerei, die ich niemals vergessen werde. Danach haben wir sämtliche rechtliche Mittel in Gang gesetzt, geholfen hat es leider nicht“, erinnert sich Oberholz.

Sein Gerechtigkeitssinn war schon immer stark ausgeprägt. Fühlte er sich in irgendeiner Form benachteiligt, sei es von Schiedsrichtern, anderen Funktionären oder Politikern, nahm „Obi“ nie ein Blatt vor den Mund, um seinen Unmut auszusprechen. Dass er sich damit nicht immer Freunde machte und hinsichtlich der Schiedsrichter-Kritik auch oft zur Kasse gebeten wurde, hat er stets in Kauf genommen. „Wenn ich glaube, ungerecht behandelt zu werden, sage ich meine Meinung. Das habe ich immer so gemacht. Mich stört es auch nicht, wenn das jemandem nicht unbedingt gefällt. Es gibt immer zahlreiche Neider, denn schließlich haben wir in Kray eine Menge bewegt“, betont Oberholz.

Essener Vereinspräsidenten

Der absolute Durchbruch gelang seinem Klub in der jüngsten Vergangenheit. Oberholz hatte 2008 das Amt des ersten Vorsitzenden übernommen und zwei Jahre später mit dem Trainerduo Dirk Wißel/Lars Krüger den ganz großen Fang gemacht. Kray stieg zwei Mal in Folge auf und schaffte aufgrund einer Ligenreform den Sprung in die Regionalliga – möglicherweise so etwas wie verspätete Gerechtigkeit nach dem Rheydt-Skandal. Der kleine Klub von der Buderusstraße durfte sich mit all seinen ehrenamtlichen Helfern gegen Klubs wie Rot-Weiss Essen, Rot-Weiß Oberhausen oder Wuppertaler SV messen. Die Teilnahme am Konzert der Großen blieb kein einmaliges Erlebnis. Ein Jahr nach dem Abstieg folgte im letzten Sommer der direkte Wiederaufstieg. Mit den beiden Erfolgen über RWE und dem Einzug ins Niederrheinpokal-Halbfinale gelangen zwei weitere Meilensteine. Doch trotz dieser sensationellen Erfolgsgeschichte vermisst Oberholz weiterhin die nötige Wertschätzung. Dieses Mal aber nicht von Seiten des Vereins. Kray ist der einzige Regionalligist, der einige seiner Heimspiele in einem fremden Stadion austragen musste. Bis vor kurzem bedrohte ein Anwohner-Streit den Fortbestand der heimischen KrayArena. Erst nach dem Beschluss, ein weiteres Spielfeld für die Jugend zu bauen, ist dieses Problem wohl vom Tisch. „Dass wir mit unseren Mitteln in der Regionalliga eine so gute Rolle spielen, ist in etwa so, als würde Rot-Weiss Essen um den Aufstieg in die Bundesliga mitmischen. Leider vergessen viele Leute oft, wo wir herkommen. Das Theater mit den Anwohnern war ein unglaublich langer Kampf, den wohl kein anderer Klub aus unserer Liga in ähnlicher Form ausgetragen hat.“

„Dieser Klub ist meine zweite Familie“

Müde ist der Anführer des FC Kray aber noch längst nicht geworden, auch wenn er sich ab und an dennoch die Sinnfrage stellt. So auch kurz vor den anstehenden Vorstandswahlen im Mai. „Ich habe einen Beruf und kümmer mich drumherum um einen Regionalligisten. Viel Zeit für die Familie bleibt manchmal nicht. Deshalb mache ich mir sicherlich meine Gedanken.“ In naher Zukunft ist ein Rückzug des polarisierenden Funktionärs aber wohl kaum zu erwarten. Oberholz hat an der Buderusstraße ein Lebenswerk errichtet. „Wenn ich alle großartigen Erfolge auf unserem Vereinsbriefkopf sehe, macht mich das schon stolz. Denn schließlich wurden diese zum Großteil zu meiner Zeit erzielt. Aber unabhängig davon macht es mir großen Spaß, für diesen Verein zu arbeiten. Einige handelnde Personen waren schon vor mir da. Dieser Klub ist meine zweite Familie und wir wollen hier noch einiges bewegen.“

Oberholz wird seinen Weg auch in Zukunft geradlinig gehen und das Bestmögliche für seinen Verein herausholen. Deshalb werden es ihm seine Freunde beim FC Kray auch locker verzeihen, wenn er mal wieder den Schiedsrichter kritisieren sollte oder während eines wichtigen Spiels auf der Sonnenbank verschwindet. •

 

Dieser Artikel erschien in der Auf Asche-Ausgabe 16 im Februar 2015