Auf Asche 18

Für die neue Auf Asche-Ausgabe trafen wir RWE-Ikone Frank Kurth. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage bei Rot-Weiss Essen, welche Typen an der Hafenstraße heute fehlen und warum er Spieler nicht versteht, die mit dem Druck nicht umgehen können.

von Dominik Hamers

Als Frank Kurth für das Fotoshooting die leeren Stufen der Westkurve betritt, kann er sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. Der ehemalige Torhüter von Rot-Weiss Essen schaut sich um, setzt ein spitzbübisches Lächeln auf und sagt: „Bald kann man so etwas auch am Spieltag machen, wenn keiner mehr kommt.“ Hinter der Aussage steckt keine Gehässigkeit. Kurth und RWE – eine gegenseitige und immer erwiderte Liebe. Zehn Jahre lang stand der heute 54-Jährige im RWE-Tor, erlebte die Zweitliga-Zeiten des Traditionsvereins und stand im Pokal-Endspiel gegen Werder Bremen 1994 im Kasten. Legendär sind seine Ausritte auf den Zaun, wo er nach Siegen regelmäßig mit den Fans feierte. Ein Publikumsliebling, wie er im Buche steht, ein echter Typ und einer, der sich den Mund nicht verbieten lässt.

Frank Kurth, willkommen zurück an alter Wirkungsstätte. Wie oft trifft man Sie noch an der Hafenstraße?
Wenn es meine Zeit zulässt, bin ich im Stadion. Mit dem Fußball habe ich allerdings nicht mehr viel zu tun, ich halte mich im Fitnessstudio in Form.

Hätten Sie heute noch Lust, bei RWE im Tor zu stehen?
Ja klar. Aber das Drumherum möchte ich nicht unbedingt haben. Wenn ich einen weißen Flokati im Spiel trage und die Presse über nichts anderes mehr berichten kann als darüber, muss ich das nicht mehr so haben. Aber ich glaube, dass ich gar nicht so schlecht wäre. Jürgen Röber hat mir schon gesagt, dass ich meiner Zeit voraus bin.

Warum?
Man konnte mich damals als Torhüter schon anspielen. Natürlich nicht mit der Qualität eines Manuel Neuer. Aber ich war nicht der Typ, der die Bälle links und rechts in die Prärie geknallt hat.

„Wenn das Sportliche so mitziehen würde, wie Michael Welling die gesamte Vereinsstruktur hinbekommen hat, müssten wir uns keine Sorgen machen.“

Dann würden Sie allerdings gegen den Abstieg spielen. Wie sehr beunruhigt Sie die aktuelle Tabellensituation?
Es ist tatsächlich so, dass die momentane sportliche Situation das einzige ist, das für Unruhe sorgt. Wenn das Sportliche so mitziehen würde, wie Michael Welling im Verein die gesamte Struktur hinbekommen hat, müssten wir uns keine Sorgen machen.

Wie ist denn Ihr Bild vom aktuellen RWE-Kader?
Ich muss kein besonderer Fachmann sein und brauche auch nicht 25 Spiele in einer Saison sehen, um sagen zu können, dass die Mannschaft eine zu hohe Qualität hat, um gegen den Abstieg zu spielen. Das ist keine Einschätzung die ich allein, sondern die Trainer aus der Regionalliga abgegeben haben. Und wenn man zu diesem Zeitpunkt der Saison dort steht, wo Rot-Weiss Essen steht, sollte man sich daher schon seine Gedanken machen.

Sie haben mit Rot-Weiss Essen andere Zeiten erlebt. Vor allem solche, in denen das Finanzielle lange nicht auf so soliden Füßen stand, wie es jetzt der Fall ist.
Zu meiner aktiven Zeit war der Verein chronisch pleite. Da sind wir vor einem Auswärtsspiel in Kaiserslautern anderthalb Stunden durch die Gegend gefahren, weil es kein Hotel gab, das uns aufgenommen hat. Die hatten sich vorher alle abgesprochen, denn es war bekannt, dass RWE die Rechnungen nicht so gerne bezahlt. Dann sind wir so lange herumgefahren, bis wir ein Hotel gefunden haben, das uns noch nicht kannte.

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Trotzdem haben Sie den Verein ins Herz geschlossen, sind über die Jahre treu geblieben. Obwohl Sie andere Angebote hatten. Können Sie das erklären?
Eine Kopfgeschichte kann man erklären, eine Bauchgeschichte nicht. Das ist wie in der Liebe. Manchmal fragt man sich „Mein Gott, warum hat der sich die denn ausgesucht?“ Aber der, der die Wahl getroffen hat, wird die Qualitäten schon kennen. Ich war im alten Georg-Melches-Stadion, habe die Stimmung erlebt und gesagt „hier willst du hin“. Das war zu Oberliga-Zeiten. Der Verein war chaotisch, es gab über Jahrzehnte mehr Trainer und Präsidenten als Spieler. Aber trotzdem hatte der Verein eben seinen Charme.

Diese Liebe wurde auch von den RWE-Fans erwidert und wird es heute noch. Sicher nicht nur, weil Sie nach Siegen immer auf den Zaun geklettert sind und dort mit den Fans gefeiert haben…
Es gab an der Hafenstraße nicht vom ersten Tag an ein „Hurra“, wenn man mich gesehen hat. Man wird durch die Leistungen und Erfolge zu einer gewissen Person. Was der RWE-Fan im allgemeinen bei mir gespürt hat, war, dass da einer war, der sich durchgebissen hat.

Sie haben sich durchgebissen, als ihr damaliger Trainer Sie loswerden wollte. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie nicht mehr erwünscht sind?
Wir saßen nach einem Zweitliga-Spiel im Bus und unser Trainer Lothar Buchmann sagte mir, dass ich im Tausch gegen Volker Diergardt nach Union Solingen wechseln sollte. Und dann meinte er: „Du hast keine Wahl, denn so lange ich hier bin, machst du für RWE nicht mal mehr ein Freundschaftsspiel. Und wenn Volker sich verletzt, hole ich einen anderen zweiten Keeper.“

Was haben Sie darauf gesagt?
Ich habe ihn gefragt, wie lange sein Vertrag noch läuft. Dann sagte er „anderthalb Jahre“. Bei mir waren es noch zwei. Meine Antwort war: „Gucken wir mal, wer länger hier ist.“

Das kam sicher nicht gut an …
Bis wir uns in Mainz wieder getroffen haben, war das der letzte Satz, den wir miteinander gesprochen haben. Das Wiedersehen war allerdings freundlich. Er hat mich für meinen Weg gelobt, mir aber auch verdeutlicht, dass er noch nie so einen Spruch von einem Spieler gehört hat.

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Es ist fast schon eine Phrase, aber Spieler wie Willi Lippens, Jörg Lipinski, Dirk Helmig und Sie gelten als Typen. Sterben solche Charaktere aus?
Absolut! Wir müssen uns im Fußball davon verabschieden. Wir werden keine Typen mehr kennenlernen. Heute sind alle, die vor die Mikros treten, weichgeklopft. Alles ist wachsweich. Aus Angst, es könnte einem eine Aussage um die Ohren gehauen werden. Da lob ich mir noch einen Lothar Matthäus, der im Fernsehen auch mal ausrasten kann. Mit den Aussagen der Spieler kann man heute nur noch eines machen.

Und zwar?
Alle am Sonntagmorgen zum Doppelpass einladen. Dann bräuchte man kein Phrasenschwein, sondern einen Phrasen-Elefanten und der wäre richtig voll. Das könnte man wunderbar sozial spenden.

Sie haben Phrasen gern vermieden. Ihr Wort hat bei den RWE-Fans bis heute noch Gewicht. Ein Indiz dafür, dass in Essen solche Typen fehlen?
Ja, natürlich. Es ist natürlich so, dass man die Form wahren muss. So ein Spruch ist schnell rausgehauen und fliegt einem dann um die Ohren. Ich weiß aber auch, dass die Leute danach lechzen, dass Ihnen einer mit unterstelltem Sachverstand aus dem Herzen spricht.

Die aktuelle Mannschaft ist sehr jung. Kann man solche Spieler auf ein Umfeld wie bei Rot-Weiss Essen vorbereiten?
Nein, warum auch? Der Verein ist das Beste, was einem Spieler passieren kann. Hier ist Stimmung, negativ wie positiv. Klar: Wenn ich beim Elfmeter den Ball nicht treffe, kommen die Leute nicht um die Ecke und tragen mich auf Händen hier raus. Ich kann es nicht nachvollziehen, wenn Spieler sagen, dass sie mit dem Druck nicht klarkommen. Der ist ja komischerweise auch immer nur dann da, wenn es negativ läuft. Letztlich ist es doch so: Wenn ich vor der Entscheidung stehe, ob ich in Wattenscheid bei 35 Grad im Sommer vor 150 Zuschauern spiele oder an der Hafenstraße vor 8.000, die auch noch bei fünf Grad kommen, muss ich doch nicht lange überlegen.

Wie hat sich denn die Stimmung im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit verändert?
Ich kann mich an die Zeit erinnern, als ich hier angefangen habe. Da gab es noch ganz extrem die Essener Löwen, die hier alles wuschig gemacht haben. Die Fankultur hat sich ohnehin geändert. Ich weiß, dass wenn wir schlecht gespielt haben, wir uns mit einigen Fans rumschlagen mussten. Heute habe ich gehört, dass da drei Nikoläuse am Rand stehen, die dann mal ein bisschen Palaver machen.

„Es dürfen ja nur elf Leute auf dem Platz stehen. Da sind mir Spieler, die aus dem Pott kommen lieber. Sofern sie die Qualität haben.“

Es wurde zuletzt stark kritisiert, dass der Verein nicht verstärkt auf Spieler aus der Region gesetzt hat. Wie ist Ihre Meinung dazu?
In erster Linie sollte es wichtig sein, dass ein Spieler Mannschaft und Verein nach vorne bringen kann. Ich weiß aber, dass Spieler aus anderen Regionen gewisse Probleme mit der Mentalität im Ruhrgebiet haben. Das war in Wattenscheid beispielsweise mit Alexander Strehmel so. Der wurde mit Stuttgart Deutscher Meister, hatte im Ruhrgebiet aber Probleme.

Welche Risiken birgt es, wenn ein Spieler aus einer größeren Entfernung geholt wird?
Als Verein muss ich mich wesentlich mehr um so einen Spieler kümmern. Wenn es aber so weit geht, dass ich ihm auf gut Deutsch den Arsch hinterher tragen muss, dann kann ich nicht von ihm verlangen, dass er auf dem Platz auf einmal selbstständig ist. Dann brauche ich da auch noch einen, der ihn unterstützt. Aber wir dürfen ja nur elf Leute auf dem Platz sein. Da sind mir Spieler, die aus dem Pott kommen lieber. Sofern sie die Qualität haben.

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Im Jahr 2007 haben Sie gesagt, dass RWE 2010 in der 2. Bundesliga spielen wird. Würden Sie eine solche Aussage heute noch einmal tätigen?
Durch die Reformen sind die Aufstiege schwieriger geworden. Ohne die Regelung mit der Relegation würde ich mich vielleicht nicht auf drei Jahre festlegen, aber das könnte und sollte der Verein in Angriff nehmen. Mit jedem Jahr, in dem wir in der Regionalliga spielen, wird es aufgrund der zunehmenden Qualität in den höheren Ligen einfach schwieriger.

Nach dem jüngsten 0:1 in Düsseldorf ist die Mannschaft auf einen Abstiegsplatz gerutscht. Wie unruhig macht Sie das Ganze?
Wenn man auf dem 16. Tabellenplatz steht und ein Programm mit Verl, Köln und Lotte vor der Brust hat, ist das natürlich besorgniserregend. Es hat für mich etwas mit Aktionismus zu tun, wenn jetzt der Aufsichtsratschef vor die Mannschaft tritt oder Spieler suspendiert werden. Ob diese Maßnahmen greifen, weiß ich nicht. Aber ich hoffe es.


Auf Asche 18Das Interview erscheint in der neuen Ausgabe „Auf Asche“ zur Rückrunde 2015/16.
Das Magazin ist ab Mittwoch, 30. März 2016, an den bekannten Auslagestellen im ganzen Stadtgebiet erhältlich und kann ab sofort im Online-Shop bestellt werden.